Anita Tschirwitz

Presse, etc.

 

Würzburg Spezial, Dezember 2007

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Der Kitzinger, 1. Oktober 2007

 



Auszug aus Michael von Sodens Vortrag zur Ausstellung INTERZONEN

am 13. September 2009

in der Grunewaldgemeinde Berlin

 

 

„Bei dem wahren Künstler muss das Kunstwerk, was er hervorbringen will, gleichsam erst in seiner Seele reif geworden sein. Ein Reichtum großer und edler Gedanken, die schon seine früheste Kindheit erzeugte, liegt in ihm da.

Indem nun das Maß dieser großen und edlen Gedanken gleichsam voll ist, so empfindet der Künstler einen Drang sich mitzuteilen, und seine innere Vollkommenheit gleichsam außer sich zu vervielfältigen.“

Dieser Text aus dem Jahre 1793 stammt von Karl Philipp Moritz. Er war mit Goethe befreundet und übte mit seinen Gedanken zur Ästhetik nachhaltige Wirkung auf die Autoren der klassisch-romantischen Periode aus.

 

Von alledem ist in den Arbeiten von AT so gut wie nichts zu finden, ja wir bekommen es hier gewissermaßen geradezu mit dem Gegenteil zu tun.

Einigermaßen zuverlässig lässt sich feststellen, dass wir Bilder vor uns haben.

Darin befinden sich die Resultate von Prozessen, die wir als „kreativ“ zu bezeichnen gewohnt sind. Bei vielen ist gut zu erkennen, welche Werkzeuge, Materialien und Techniken dabei verwendet wurden, beispielsweise Feder und Pinsel, Acrylfarbe, Tusche und Kreidestift; als Träger überwiegend Leinwand und Papier, doch es kommen auch auseinandergefaltete und geglättete Packpapiere aus Bananenkartons vor, deren Belüftungslöcher zu wesentlichen Gestaltungselementen avancieren. Bei manchen Arbeiten ist erkennbar, dass photographische Mittel im Spiel waren, aber AT bringt es auch fertig, Fotokopien von Schnürsenkeln, Spaghetti oder USB-Kabeln einzusetzen.

 

Deutlich schwieriger wird es, wenn man herauszufinden versucht, worum es inhaltlich geht und was hier ausgedrückt werden soll. Das Ganze mutet auf rätselhafte Weise primärprozesshaft an, eruptiv und anarchisch, vorläufig und experimentell, wild wuchernd und unaufgeräumt, schräg und schrill, manchmal einfach nur heiter so hingeworfen, manchmal aber auch wie aus Trotz hervorgegangen.

Nur so viel scheint gewiss zu sein – dass man es mit einer Sphäre des Vorgegenständlichen zu tun hat. Oder vielleicht des Nachgegenständlichen. Abstrakt ist hier jedenfalls gar nichts, und vieles ist wohl dem Zufall zu verdanken, oder dem Spiel mit ihm.

 

Und da sind dann noch die Titel, denen etwas höchst Kryptisches anhaftet. Nicht, weil sie unverständlich formuliert sind, im Gegenteil: was man da lesen kann, ist oft lustig, hat auch etwas Kalauerndes, entstammt zumeist der Welt der Märchen und Mythen oder der Lyrik und Musik und ist daher durchaus geläufig. Aber in diesem Zusammenhang?

 

Was ich meine, möchte ich an einer Arbeit mit dem Titel In Memoriam Karlheinz Stockhausen: „Der Gesang der Jünglinge im Feuerofen“ exemplarisch aufzeigen. Es handelt sich um eine Reihe von Blättern mit sonderbaren weißlichen Krakeln auf dunkelgrauem Grund. Wie Seitenausrisse aus einem alten Buch mit fremdartigen Schriftzeichen. Diese Krakel sind durch Beträufeln und Verteilen von Aceton auf Filmmaterial zustande gekommen. Die scharfe Substanz griff die lichtempfindliche Schicht an, zerstörte sie zum Teil und verdunstete. Anschließend ließ AT im Fotolabor von diesen derartig traktierten Negativen Vergrößerungen herstellen.

 

Das titelgebende Werk von Stockhausen ist ein Tonbandstück aus dem Jahre 1956, das ebenso wie der „Gesang der Jünglinge“ nur den wenigsten bekannt sein dürfte.

Der Komponist ließ sich hierbei von einem Bibeltext anregen. Darin geht es um Folgendes: König Nebukadnezar hatte ein gewaltiges goldenes Standbild aufrichten lassen und verlangte von seinem Volk, dass es dieses Monument anbete. Drei junge Männer, fromme Juden, verweigerten sich diesem blasphemischen Befehl, und so wurde die bei Zuwiderhandlung angedrohte Strafe verhängt: Verbrennung bei lebendigem Leib. Der Gesang zum Lobpreis ihres Gottes, den die Jünglinge im Verbrennungsofen daraufhin anstimmten, wirkte Wunder. Sie blieben unversehrt, und Nebukadnezar wies das Volk an, fortan nur noch den Gott der Jünglinge zu verehren.

Die ungeheure Symbolkraft und Dramatik dieser Geschichte hat den Komponisten Karlheinz Stockhausen zutiefst berührt.

 

Nun wäre es aber ganz verfehlt, den Bibeltext, das Tonbandstück und die Blätter mit den Krakeln in eine chronologische Abfolge mit kausaler Verknüpfung zu stellen.

Solcher „Direktkontakt“ kommt nirgends vor in den Arbeiten von AT. Denn sie ist keine Illustratorin.

 

Nicht immer ganz so hermetisch wie in diesem Fall, aber doch immer irritierend verhält es sich auch bei ihren übrigen Arbeiten. Schon ohne Titel muten sie wie Chiffren an, aber das, was draufsteht, „erklärt“ nicht, was drin ist, sondern macht alles noch rätselhafter, denn Anhaltspunkte für eine Rückübersetzung ins „Eigentliche“ oder „Gemeinte“ werden nicht gegeben.

 

Sollte es sich bei all diesem Zusammenwirken von Absicht und Zufall um späte und aus der Reihe tanzende Beiträge zur Romantischen Ironie handeln, die doch immer alles in der Schwebe halten und sich nicht festlegen lassen wollte.

 

Vielleicht. Aber was jetzt?

 

Wir alle haben ein mehr oder weniger enges Verhältnis zum Zufall...

 

So begibt sich AT vorzugsweise und zumeist mit griffbereiter Kamera an Orte, denen Inspirationsquellen entspringen könnten und infolgedessen ihrer Arbeit dienlich sind...

 

Die Folge von solchen Erkundungen sind beispielsweise die Serien „Blockbildung“ und „Megacity“, die sich dem schöpferischen Verweilen auf dem Lagerplatz einer Holzfirma verdankt. Zudem füllt sich ihr Atelier mit allerlei Kuriositäten unterschiedlichen Verrottungsgrades zwecks etwaiger Wiederverwendung.

 

Das ist vielleicht das einzige, was sich im Hinblick auf eine methodische Ein- und Zuordnung der Künstlerin sagen lässt: sie ist den Reizen von „objets trouvèes“ sehr aufgeschlossen, und damit jener Ästhetik, die in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts Schule machte. Doch damit allein ist noch nicht viel geklärt.

 

Um hiermit weiter voranzukommen, möchte ich nochmals Karl Philipp Moritz zitieren.“Das SCHÖNE betrachtet man nicht, insofern man es gebrauchen kann, sondern man braucht es nur, insofern man es betrachten kann.“

 

Nach alldem lässt sich vielleicht annehmen, dass wir es bei den Arbeiten von AT mit einer Phänomenologie des Findens zu tun haben.

Mit Finden meine ich hier aber nicht nur das unerwartete Entdecken von Dingen, sondern ebenso von prozeduralen Möglichkeiten. Beispielsweise jener, dass das Einstreuen von Asche beim Malen mit Acrylfarbe zu sonderbaren Effekten führt – haptischen und chromatischen. Wer ihre Arbeiten aufmerksam betrachtet, wird vieles von dieser Art bemerken können.

 

Der Begriff INTERZONEN, den AT zur Charakterisierung ihrer Ästhetik gewählt hat, ist viel klarer als die schwindelerregende Formulierung von Peter Handtke, der sich wohl ebenfalls in dieser Sphäre aufgehalten hat und sie als „Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt“ bezeichnete.

INTER bedeutet „dazwischen“ und „zweierlei verbindend“. Nämlich das Innere und das außerhalb Befindliche, Ich und Nicht-Ich.

 

Und damit ist bereits eine Antwort auf die noch offene Frage angedeutet, von welcher Art DAS SCHÖNE in den Arbeiten von AT ist:

...Dass ich das plötzlich erlebe – dieses Verrückt-Werden – darin vor allem besteht das eigentümlich SCHÖNE dieser Kunst.

 

Ich habe die Arbeiten der Künstlerin als Beiträge zur Romantischen Ironie bezeichnet. Damit meine ich jedoch nicht, dass sie von nostalgischer Vorgestrigkeit geschlagen ist. Im Gegenteil.

 

Ihre Kunst halte ich vielmehr für ihren individuellen Einspruch gegen eine Epoche, die sich an organisierter Verblödung begeistert.

Dagegen wehrt sie sich mit subtiler Provokation und sarkastischer Subversivität.

 

Die Schönheit ihrer Arbeiten beruht nicht auf der jeweiligen Vollkommenheit in sich, wie die klassisch-romantische Ästhetik es verlangte, sondern darin, dass sie den Betrachter sphinxhaft oder sirenenartig verführen, ihren Lockungen zu folgen.

 

Wir werden uns immerfort in neuen Interzonen bewegen. Bewegen müssen.

Das mit sprudelnder Bizarrerie und Penetranz vor Augen zu führen, ist ATs Kunst, die jeden Betrachter zu einer Begegnung mit sich selbst verleiten könnte.


 

 


Aus der Einführungsrede zur Eröffnung der Ausstellung

QUODLIBET

Kunstverein Bad Neustadt am 31.3.2007 von
Dr. Astrid Hedrich-Scherpf

Quodlibet, d.h. wie es beliebt – Allerlei und Verschiedenes wird geboten. Wir begegnen farbintensiven Acrylarbeiten, nehmen Fotografien wahr. Das Auge tanzt über Tuscharbeiten und Zeichnungen wie über ein Notenblatt hinweg. Wie bei einem Musikstück klingt Unterschiedliches zusammen. Lassen Sie sich einstimmen auf ein malerisches Quodlibet.....

Und wie der Titel schon sagt – der eigentlich aus der Musik entliehen ist – gibt es Allerlei und Verschiedenes aus allen Bereichen zu sehen: Acrylmalerei, Mischtechniken, Grafisches, Tuschblätter und Fotografien.....

Aus der Serie Infinito nero mit dem Untertitel Alles Banane sind vier Arbeiten auf braunem Papier zu sehen.
Das Zentrum der Komposition bilden gestanzte Löcher auf weißem Grund in fast kreisförmiger Anordnung. Liniengeflecht, organisch anmutende Form und mechanisch Wirkendes bestimmen die Struktur. Die Flächigkeit der Formen wird dabei betont. Alles wirkt urwüchsig. Brauntöne bestimmen den Charakter der Arbeit. Assoziationen zu afrikanischer Kunst stellen sich ein. Was hat das alles mit Banane zu tun?
Haben Sie schon einmal Bananen aus ihrer Verpackungskiste herausgeholt und das Papier darin betrachtet? Ein dickes Papier mit gestanzten Löchern in der Mitte kommt zum Vorschein. Genau dieses feste, braune Papier – eigentlich ein Abfallprodukt – wird gefaltet, geknickt und als Grundlage für die Arbeit von der Künstlerin verwendet. Es ist charakteristisch für die Werke von Anita Tschirwitz, dass sie alltägliche Dinge in einen neuen Kontext setzt.  

Banales, das wir oft schon gar nicht mehr bewusst wahrnehmen, wird zu etwas Außergewöhnlichen in ihren Arbeiten. Entfremdung und Einstellung in einen geänderten Kontext erzwingen beim Betrachter eine andere Wahrnehmung. Solche alltäglichen Dinge zeigen die Serien mit Spaghetti, Schnürsenkel und dem Griff einer Plastiktüte. Auf den ersten Blick kaum erkennbar, so eminent ist der Grad der Abstraktion und der Ästhetik. Aber nicht nur das, wiederum ist es der geänderte Kontext der Dinge, der uns erneut aufmerken lässt. Alltägliches erfährt einen Bedeutungswandel.
Da werden Spaghetti zum Bestandteil einer geometrischen Komposition. Fragile Konstruktionen aus Stäben entstehen und werden mit Farbformen ergänzt.Der Schnürsenkel bildet sich zur gewundenen, kraftvollen Linie heraus, gepaart mit roten Farbbahnen, die das Auge wie den Verstand in Bewegung halten.
Der Griff einer Plastiktüte, das wohl banalste Sinnbild unserer Konsumgesellschaft, wird zum wesentlichen Teil der Komposition. Gefaltet, angeordnet in der Fläche, kaum wiederzuerkennen, erfährt er mit zeichnerischen Mitteln seine Vollendung.

Der Prozess der Verfremdung, findet hier mittels der Fotokopie statt. Der Kopierer dient als Medium der Verfremdung. Er lichtet ab. Er „belichtet“ eben anders.
Auch hier ist es die Herauslösung des Gegenstandes aus seinem gewöhnlichen Zusammenhang, der einen Bedeutungswandel letztendlich verursacht.

Typisch für die Arbeiten der Künstlerin sind auf der einen Seite die Spontaneität, deren Ausgangspunkt oft ein Zufallsprodukt oder ein Fundstück ist, und auf der anderen Seite die analytische Strukturierung, die während des Arbeitsprozesses eingreift.     In brauner Tusche auf weißem Papier erscheinen die Blätter der Serie Herzgewächse.
Pulsierend, sich drehend, um ein Zentrum rotierend formen sich die Gebilde. Feine Linien, die sie wie Adern umgeben, nehmen die Bewegung auf, um dann doch zu erstarren und als Stein entlarvt zu werden.
Literarische Assoziationen drängen sich auf wie „ein Herz aus Stein“.
Die künstlerischen Ausdrucksmittel sind auf ein Wesentliches reduziert: das weiße Papier, die braune Tusche.
Alles scheint konzentriert: die Form, die Farbe wie die Bildfläche. Ein Schwingen entsteht zwischen kraftvoller Masse und organisch wirkender Form.

Immer wieder tritt in den Arbeiten von Anita Tschirwitz das Motiv des Kreises auf, mal Kreis, mal Scheibe oder gebogene Linie. Der Kreis steht für Vollkommenheit und für die Konzentration um einen Mittelpunkt. Er ist Sinnbild für Kraft und Energie. Da er weder Anfang noch Ende hat, ist er das Symbol für Immerfortwährendes, sich stetig Erneuerndes.  

Neben den Bildwerken in Acryl, Mischtechnik, Silikatkreide, Tusche und Zeichnung nehmen die fotografischen Arbeiten einen breiten Raum im Schaffen der Künstlerin ein.....
Ähnlich wie bei den grafischen Arbeiten zeigen auch die Fotoarbeiten den ungewöhnlichen Blick auf Vertrautes. Oft ist es erst der zweite oder dritte Blick, der das eigentliche Motiv entdeckt.....

Ein archaisches Auge mit ein, zwei und drei Pupillen oder ein Boot mit Kugeln erweist sich als Schale mit Pflaumen.
Und was aussieht wie ein von einer Spitze hinabrollender Kieselstein, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ein liegendes Ei neben einer Schale – immer ein Stück weiter gerollt seine Position verändernd.

Ähnliches ist  bei den Löffeln auszumachen. Es handelt sich nicht um unscharfe Aufnahmen eines Löffelstiels, sondern um Momentanaufnahmen. So rieselt einmal von der Löffelfläche Zucker herab, ein anderes Mal tropft Milch, bzw. Honig als dünner Faden vom Gefäß. Beide Male legen sich in den Aufnahmen Suggestion und eigentliche Aktion übereinander.

Es findet ein Spiel mit unserer optischen Wahrnehmung statt.